Du betrachtest gerade Dossier zum Verschwinden von Eva Maria Michelmann und Ahmet Polad

Dossier zum Verschwinden von Eva Maria Michelmann und Ahmet Polad

Seit dem 18. Januar gelten die deutsche Journalistin Eva Maria Michelmann und der kurdische Journalist Ahmet Polad als vermisst. Beide wurden als letztes in Raqqa gesehen und laut Augenzeugen in einem Militärfahrzeug der Streitkräfte der syrischen Übergangsregierung abgeführt. Dieses Dossier gibt einen Überblick über das Verschwinden der beiden Journalist:innen und über die Entwicklungen in dem Fall.

Eva Maria Michelmann wurde am 2. Dezember 1989 in Siegburg geboren. Sie lebte in Köln und studierte Sozialarbeit. Michelmann war als Sozialarbeiterin in Deutschland tätig, insbesondere in den Bereichen Frauen-, Flüchtlings- und Obdachlosenhilfe. Außerdem nahm sie an humanitären Hilfseinsätzen in Caracas, Venezuela, teil.

Als freie Journalistin berichtete Eva Maria ab 2022 regelmäßig aus Rojava mit einem internationalen Presseausweis und veröffentlichte Artikel in Publikationen wie der türkischsprachigen Nachrichtenagentur „Etkin Haber Ajansı“, kurz „ETHA“. Sie berichtete direkt von den Protesten und Entwicklungen vor Ort. Zuvor hatte Eva regelmäßig für die Zeitung „Perspektive Online“ in Deutschland geschrieben, insbesondere zu politischen Themen mit Bezug zu Frauen. Ahmet Polad ist ein kurdischer Journalist, Redakteur bei Kurdistan Azad und Produzent bei dem Fernsehsender Özgür TV.

Hintergrund zum Verschwinden von Ahmet Polad und Eva Maria Michelmann

Am 28. Februar veröffentlichte die türkischsprachige Nachrichtenplattform „Etkin Haber Ajansı“, kurz ETHA in einem Artikel (1) von dem Verschwinden der beiden Journalist:innen. Michelmann hielt sich gemeinsam mit Polad am 18. Januar in der Stadt Raqqa auf, um die Entwicklungen vor Ort aufzuzeichnen und von den Angriffen auf die Stadt durch die syrische Übergangsregierung zu berichten. Videoaufnahmen für den Sender Özgür TV, in denen Ahmet Polad spricht, zeichneten Gefechte und Schüsse auf den Straßen Raqqas auf. Als sich die Gefechte intensivierten, suchten die beiden Journalist:innen mit ca. 40 Zivilist:innen Deckung in einem Gebäude einer Jugendorganisation der Demokratischen Selbstverwaltung Nordostsyriens (DAANES). Dieses Gebäude wurde schließlich von Kräften der Übergangsregierung umzingelt. Laut ETHA wurden zur gleichen Zeit auch zahlreiche andere Gebäude in der Stadt angegriffen und es kam zu heftigen Zusammenstößen. Als die Nacht einbrach, sollen die syrischen Übergangskräfte das Haus enger eingekreist und schließlich ins Untergeschoss eingedrungen sein.

Dabei kam es laut Berichten zu mehreren Toten. Eine durchgehende Berichterstattung lässt sich aufgrund mehrfacher Ausfälle des Stroms und des Internets nicht abzeichnen. Des Weiteren heißt es im Bericht, dass die syrischen demokratischen Kräfte (SDF) Kontakt zu den syrischen Übergangsregierungskräften aufnahmen, um eine Evakuierung der Zivilist:innen im Gebäude zu verhandeln. Schließlich sollen sich beide Kräfte darauf geeinigt haben, dass das Haus in Einzelgruppen evakuiert werden soll und die Zivilist:innen sich in ein Gebiet begeben, welches die SDF zu der Zeit verwaltete. Demnach soll ein Teil der aus dem Gebäude evakuierten Personen SDF-Kräfte, die das El-Aqtan-Gefängnis in der Nähe von Raqqa bewachen, erreicht haben. Als später Telefonkontakt mit der evakuierten Gruppe hergestellt werden sollte, stellte sich heraus, dass Michelmann und Polad nicht das genannte Gefängnis erreichten. So berichtete ein Augenzeuge, der evakuiert wurde, dass beide nach Verlassen des Gebäudes von der Übergangsregierung in ein Fahrzeug gesetzt wurden. Somit fehlt seit über 50 Tagen jegliches Lebenszeichen von Michelmann und Polad.

Michelmann und Polad sind zwei von tausenden Verschwundenen

Am 6. Januar begann die syrische Übergangsregierung eine Offensive gegen die Gebiete der demokratischen Autonomieverwaltung Nordostsyriens (DAANES). Bei den Gefechten wurden mehrere Städte durch die syrische Übergangsregierung eingenommen, darunter Deir Hafir, Tabqa, Raqqa und Deir ez-Zor. Somit wurden hundertausende Zivilist:innen vertrieben. Des Weiteren sind bei den Gefechten tausende Zivilist:innen und SDF-Kämpfer:innen verhaftet worden oder schlicht und einfach nicht mehr aufzufinden. Die syrische Übergangsregierung gab an, dass sie aktuell 970 Menschen in Gewahrsam genommen habe. Laut Kongra Star liegt die tatsächliche Zahl jedoch deutlich höher. So sprach Ilham Ehmed von bis zu 4.000 Personen (2), die sich als Kriegsgefangene und Geiseln in der Gewalt der Übergangsregierung befinden sollen.

Aktivitäten seit dem Verschwinden

Seit der Veröffentlichung des Verschwindens von Michelmann und Polad wurde sich über verschiedene Wege für Aufklärung eingesetzt. So äußerten sich die Bundestagsabgeordneten Sanae Abdi und Cansu Özdemir öffentlich zu dem Fall und forderten sowohl Aufklärung über den Fall, als auch den Schutz von Journalist:innen in Kriegsgebieten im Allgemeinen. Özdemir wendete sich an die Bundesregierung und das Auswärtige Amt.

Des Weiteren berichteten deutsche Medienhäuser wie der Tagesspiegel, SPIEGEL, t-online, Deutschlandfunk und Deutsche Welle (dw). Internationale Medien, beispielsweise aus der Schweiz, Spanien und den Niederlanden, veröffentlichten ebenfalls Artikel.

Auch mehrere Organisationen zum Schutz von Journalist:innen und der Pressefreiheit wurden mobilisiert. Darunter kam es zu Austausch mit der deutschen Journalistenunion (DJU) und Reporter ohne Grenzen statt. Die Gewerkschaft ver.di, die Organisation Committee to Protect Journalists (CPJ) (3), die Union freier Journalist:innen in Nordostsyrien (YRA) und die Föderation internationaler Journalist:innen (IFJ) (4) machten Veröffentlichungen zu dem Fall. Durch den Anwalt Roland Meister wurden das Internationale Rote Kreuz eingeschaltet. Dieses begann, Kontakte in die Region, unter anderem zu Mazlum Abdi, Oberbefehlshaber der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), aufzunehmen, um die Journalist:innen ausfindig zu machen.

Pressekonferenz

Am 10. März hielt die Solidaritätsstruktur People‘s Bridge gemeinsam mit dem Anwalt Roland Meister, Michelmanns Bruder, Dr. Antonius Michelmann und der Mutter Rotraut Hake-Michelmann eine Pressekonferenz ab. Hier erklärte der Anwalt Roland Meister, dass das Auswärtige Amt kontaktiert worden sei. So schilderte eine Mitarbeiterin des Auswärtigen Amts in einem Telefonat, dass alle wesentlichen Stellen im Mittleren Osten, nicht nur in Syrien, durch die deutsche Regierung benachrichtigt worden seien. Die Daten und ein Foto von Eva Maria Michelmann seien im Zuge dessen weitergegeben worden, um ihren Aufenthalt zu ermitteln. Die deutsche Regierung wurde bisher nicht von der syrischen Übergangsregierung informiert. Roland Meister ergänzte: „Wir wissen von einem Journalisten aus Damaskus, welcher berichtete, dass der Name Eva Maria Michelmann vor Ort unbekannt sei.“

Weiterhin führte er aus, dass vier Möglichkeiten um den Zustand von Michelmann bestünden. Zum einen, dass sie sich in Gefangenschaft befindet, zum anderen, dass sie sich in informeller Gefangenschaft befindet – das bedeutet, dass sie verschleppt und noch nicht der offiziellen Regierung übergeben wurde. Es besteht aber auch die Möglichkeit, dass sie getötet worden sein könnte und in anonymen Massengräbern verscharrt wurde. Die vierte Möglichkeit wäre, da die Türkei unmittelbar an den militärischen Auseinandersetzungen im Januar beteiligt war und sich in Zusammenarbeit mit der syrischen Übergangsregierung befindet, dass sie möglicherweise an die Türkei übergeben worden ist, da der kurdische Journalist Ahmet Polad, welcher mit ihr gemeinsam festgenommen wurde, die türkische Staatsangehörigkeit besitzt.

Auch die Mutter und der Bruder von Michelmann äußerten bei der Pressekonferenz große Sorge um ihre Tochter und Schwester. Dr. Antonius Michelmann betonte, dass seine Schwester schon immer eine weltoffene, mutige und ehrliche Person, gewesen sei, die Rojava als einen Anziehungspunkt für Solidarität und den gelebten Zusammenhalt der Völker verstand.

Am 11. März wurde bei der Bundespressekonferenz noch einmal die Vertretung des Auswärtigen Amts gefragt, welche Schritte bereits eingeleitet wurden, um den Status der deutschen Staatsbürgerin Eva Maria Michelmann aufzuklären und sie zu befreien. Das Auswärtige Amt entgegnete, dass es von dem Fall Bescheid wisse. Als zu genaueren Schritten, die dahingehend eingeleitet wurden, nachgefragt wurde, wurden keine weiteren Informationen gegeben.

Im Fall Michelmanns wird klar die Pressefreiheit und der Schutz von Journalist:innen in Kriegsgebieten verletzt. Das EU-Parlament und die Bundesregierung stehen in der Verantwortung, diesen Fall unverzüglich aufzuklären und die Freilassung der Journalist:innen Michelmann und Polad zu erwirken.

Wir bitten Sie, sich für folgendes einzusetzen:
• Unverzügliche Aufklärung über das Schicksal der vermissten Journalist:innen Eva Maria Michelmann und Ahmet Polad und deren Freilassung
• Transparente Informationen über den Gesundheits- und Lebensstatus aller vermissten Personen (etwa 4000 Personen, Siehe dazu die Erklärung von Kongra-Star).
• Gewährung von Zugang für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz sowie Menschenrechtsorganisationen zu den von
der STG verschleppten und festgehaltenen Personen


Bezüglich Anfragen stehen wir Ihnen über angegebene Kontaktdaten zur Verfügung.
People’s Bridge

Quellen:

(1)https://etha55.com/haberdetay/rakkada-kusatmada-kalan-iki-gazeteciden-haber-alinamiyor-219878

(2)https://deutsch.anf-news.com/frauen/kongra-star-startet-unterschriftenkampagne-fur-geiseln-und-vermisste-50697

(3)https://cpj.org/data/people/eva-maria-michelmann/

(4)https://www.ifj.org/media-centre/news/detail/category/press-releases/article/syria-german-and-turkish-journalists-missing-in-raqqa-since-late-january