„Guten Tag alle zusammen,
Mein Name ist Eva Maria Michelmann
Ich bin in Syrien seit Beginn des Jahres monatelang in völliger Isolation gehalten worden. Ich war alleine in einem fensterlosen Raum eingesperrt. Mir wurde mitgeteilt, dass niemand nach mir fragen würde, als ob die ganze Welt mich vergessen hätte. Mir wurde mitgeteilt, dass die deutschen Behörden auf Anfragen bezüglich meiner Person nicht antworten. Zugleich bin ich von jeglichem Kontakt zur Außenwelt abgeschnitten worden. Ich musste davon ausgehen, dass möglicherweise niemand weiß, was in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar mit mir geschehen ist. Ich musste monatelang davon ausgehen, dass die Menschen die mich kennen und lieben, mich für tot halten.
Angekommen in Deutschland habe ich nun erfahren, dass trotz allem die Hoffnung nie aufgegeben wurde und Tausende und Zehntausende nach mir gesucht und sich für meine Freilassung eingesetzt haben.
Und es macht mich sehr glücklich zu sehen, dass es so viele Menschen gibt, die sich in einer solchen Situation angesprochen und verantwortlich fühlen. Es ist sehr schön zu wissen, dass es tausende Menschen in Deutschland gibt, die Journalist:innen zur Seite stehen, wenn sie verschleppt und gefoltert werden, weil ihre kritischen Beiträge von einem machthabenden Regime als bedrohlich empfunden werden.
In diesem Sinne möchte ich mich ganz herzlich bei allen bedanken, die sich in dieser Zeit für meine Freiheit und für das Recht auf kritischen Journalismus stark gemacht haben. Und ganz besonders möchte ich mich bei Familie, Arbeitskolleg:innen und Freund:innen bedanken: Selbst in den dunkelsten Stunden, als verschleiert wurde dass ich überhaupt am Leben bin, habt ihr die Hoffnung nicht aufgegeben und nicht locker gelassen! Danke, dass ihr so stark wart!
Und wir dürfen weiterhin nicht locker lassen, bis auch Ahmet Polad und alle Journalist:innen und politischen Gefangenen aus den Händen des HTS Regimes in Syrien befreit worden sind!
Ich selbst bin in Syrien Monate lang von Gefängnis zu Gefängnis und von Verhör zu Verhör gebracht worden. Zuerst wurde ich lange Zeit in der sogenannten „Kommandozentrale der Inneren Sicherheit“ in Aleppo gehalten. Danach wurde ich innerhalb von Aleppo in ein anderes Gefängnis gebracht, in dem unter Einsatz von Folter Verhöre durchgeführt werden. Von dort aus wurde ich in ein Frauengefängnis nach Idlib gebracht. Dort hatte ich zum ersten Mal Kontakt mit anderen Gefangenen. Viele der Frauen im Gefängnis in Idlib waren bereits vor der Machtergreifung im Dezember 2024 Jahre lang von HTS gefangen gehalten und gefoltert worden. Nach Idlib wurde ich nach Damaskus in insgesamt drei verschiedene Gefängnisse gebracht. In einem der Gefängnissen waren wir mit 15 Frauen, hauptsächlich Alawitinnen, eingepfercht in einem winzigen Raum mit schimmligen Wänden. Beispielsweise haben wir mit fünf Frauen auf zwei Matratzen an der Türe geschlafen. Viele der Frauen waren dort seit Monaten eingepfercht. In einem anderen Gefängnis, das als Gericht bezeichnet wurde, waren wir mit über 20 Frauen in einem vollständig mit weißer Keramik gefliessten kleinen Raum ohne Matratzen. Zuletzt war ich in einem Gefängnis mit Müttern, Kindern und Babys, noch so klein, dass sie teilweise noch nicht einmal laufen gelernt hatten.
Sicherlich gibt es viele, die mich fragen möchten, wie es mir geht. Ich möchte euch darauf antworten, dass meine Gefühle und Gedanken gerade vor allen Dingen bei all den Menschen sind, die noch verschwunden oder in Gefangenschaft sind. Es braucht noch etwas Zeit, um all das aufzuarbeiten, was ich in den letzten Monaten erlebt und gesehen habe. Und ich bitte daher auch um Ihr Verständnis, dass ich mich für den Anfang nur mit einer Videobotschaft an dieser Pressekonferenz beteilige.
Aber ich möchte Ihnen schon mal mit aller Klarheit sagen: Bitte glauben Sie nicht, dass das HTS Regime in Syrien in irgendeiner Weise demokratisch wäre. Seine Methoden sind nicht einmal menschlich. Folter mit Schlägen und Elektrizität sind in den Gefängnissen dieses Regimes ganz normale Standard-Verhörmethoden. Zivilist:innen werden auf der Flucht erschossen und auf offener Straße hingerichtet. Nein, Syrien ist nicht sicher! Keine:r, die oder der hier in Deutschland Schutz sucht, darf vermittels Abschiebung gezwungen werden nach Syrien zurückzukehren! Und niemand darf in den Folterknästen des HTS Regimes im Stich gelassen werden!
Etwas ganz anderes ist der Aufruf an alle, die den Mut und die Kraft dazu aufbringen können, trotz allem in Syrien Stand zu halten. Das ist der Aufruf, aller Gefahr für Leben und Gesundheit zum Trotz, ein Leben in Syrien zu wählen. Um sich für ein Syrien einzusetzen, in dem Menschen irgendwann einmal gleichberechtigt und solidarisch, in Frieden zusammenleben können. Das ist nichts wozu Menschen per Abschiebung gezwungen werden dürfen. Das ist etwas, was Menschen aus freiwilliger Selbstlosigkeit und aus tiefer Verbundenheit zu Land und Leuten tun.
Syrien, das heißt Herberge des Westen Kurdistans. Syrien das heißt Lebensraum armenischer, arabischer, pomakischer, tscherkessischer, assyrischer, syrianischer, alawitischer und zahlreicher weiterer Völker und Religionen und eine der letzten Herbergen der uralten aramäischen Sprache. Und Syrien heißt das einzige Land in dem jemals in weitreichenden Gebieten die geschlechterparitätische Doppelspitze als politisches Grundprinzip praktiziert worden ist – nämlich im kurdisch geprägten Norden des Landes, in Rojava, der der ganzen Welt ein Vorbild im Kampf für Frauenrechte geworden ist. Bei aller islam-faschistischen Finsternis: Syrien, das heißt Menschheitsgeschichte und Syrien, das heißt Hoffnung. Lasst uns die Hoffnung nicht aufgeben, Syrien zu einem Land zu machen, in dem Menschen glücklich und sicher leben können! Lassen wir Syrien nicht im Stich! Lasst uns gemeinsam weiterhin das Recht auf freie Meinungsäußerung und kritischen Journalismus verteidigen! Freiheit für Ahmet Polad und Freiheit für alle politischen Gefangenen!“
