Im Januar dieses Jahres kam es zu einer großangelegten Offensive der syrischen Armee und ihrer Verbündeten gegen die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens. Der Offensive ging ein Treffen zwischen der Türkei, Israel und Amerika in Paris voraus. Das Treffen diente dazu, die Widersprüche zwischen der Türkei und Israel hinsichtlich der Zukunft Syriens aus der Welt zu räumen – unter Schirmherrschaft ihres gemeinsamen Partners, der USA. Ziel des Angriffs war es, sämtliche Errungenschaften und Strukturen der Selbstverwaltung zu zerschlagen. Die SDF als bewaffnete Einheit der Selbstverwaltung zog sich in die kurdischen Städte zurück und verlor sehr weite Teile ihres Territoriums. Das Erwachen eines kurdischen Nationalbewusstseins in allen Teilen Kurdistans führte dazu, dass sich Kurd:innen bereitwillig auf den Weg machten, um der Rojava-Revolution zur Hilfe zu eilen.
Diese Dynamik, gepaart mit der weltweiten Solidarität mit dem unter Belagerung stehenden kurdischen Volk und dem fortschrittlichen Charakter der Revolution, führte schlussendlich dazu, dass die SDF nicht liquidiert wurde, sondern in Form von Brigaden in den kurdischen Städten platziert werden soll. Denn noch am 18. Januar wollte Ahmad al-Shara die vollständige Kapitulation der SDF und Rojavas. Nach den genannten Entwicklungen und angesichts des Willens der kurdischen Bevölkerung, die kurdischen Städte bis aufs Äußerste verteidigen zu wollen, kam es zum Abkommen vom 29. Januar 2026.
Seitdem geht ein Prozess vonstatten, der oftmals mit dem Label der „Integration“ versehen wird. Die eigentliche Frage lautet: Ist auch drin, was draufsteht?
Was ist seitdem geschehen?
Gemäß des Abkommens vom 29. Januar sollen sämtliche Strukturen und Instanzen der Selbstverwaltung, die Grenzübergänge und die Ölraffinerien der Zentralregierung in Damaskus übergeben werden. Darüber hinaus soll die SDF in Form von drei Brigaden in den kurdischen Städten des Kantons Cizîre und einer in Kobanê stationiert werden. Jede dieser Brigaden besteht aus ca. 1.300 Kämpfern.
Ende August verkündete Mazlûm Abdi dann final, dass die SDF, die einst dem IS seine erste militärische Niederlage zufügte, als separate Streitkraft aufgelöst sei. Abdi nimmt inzwischen eine neue politische Funktion ein: Er soll als Berater des syrischen Präsidenten Ahmad al-Shara tätig sein. Der US-Sondergesandte für Syrien und den Irak, Tom Barrack, begrüßte die Auflösung der SDF mit den Worten: »So sieht echte Integration aus.«
Die Frage, die nach wie vor wie ein Elefant im Raum steht, ist die Zukunft der YPJ (Frauenverteidigungseinheiten). Die YPJ-Kämpferinnen, die an der Front zum Schreckgespenst des sogenannten Islamischen Staates wurden, haben keinen Platz im patriarchalen Weltbild al-Sharas und Konsorten und sollen daher am liebsten aufgelöst werden. Die YPJ sowie Kurd:innen und weltweite Sympathisant:innen fordern ihre Beibehaltung um jeden Preis. So läuft seit Monaten die Kampagne „We are all YPJ“, der sich unzählige Frauen weltweit anschlossen. Denn wozu die marodierenden Schläferzellen des IS sowie die islamistischen Kräfte, die gegen die Kurd:innen in den Kampf zogen, imstande sind, haben wir ein weiteres Mal eindrucksvoll im Januar dieses Jahres vor Augen geführt bekommen. Der Leichnam der Asayîş-Kämpferin Deniz Ciya (mit bürgerlichem Namen Deniz Kirdeli) wurde geschändet und aus einem Gebäude auf die Straße geworfen. Diese Bilder haben sich in die Köpfe der Frauen eingebrannt. Aktuell wird darüber verhandelt, dass die YPJ als eine dem Innenministerium unterstellte Antiterror-Einheit in den kurdischen Städten erhalten bleibt. Gleichzeitig zeigt sich an anderer Stelle, wie wenig Raum die neue syrische Staatsführung Frauen tatsächlich zugesteht. Das Verteidigungsministerium will grundsätzlich keine Frauen in seine Reihen aufnehmen. Damit steht die Frage nach der Zukunft der YPJ nicht isoliert da, sondern reiht sich in eine umfassendere Entwicklung ein, in der die eigenständige Organisierung von Frauen zurückgedrängt wird. Auch die bisherigen Frauenstrukturen der Selbstverwaltung sind davon betroffen. Teile der Frauenbüros und ihrer Strukturen wurden bereits in das Familienministerium integriert. Damit werden eigenständige Fraueninstitutionen schrittweise in die staatlichen Strukturen eingegliedert.
Während die Führung der ehemaligen Selbstverwaltung ihre Vorgaben eine nach der anderen erfüllt, sehen wir auf der anderen Seite, wie sich Ahmad al-Shara und seine Regierung nur höchst schleppend bewegen – wenn denn überhaupt. Viele der Forderungen vonseiten der Kurd:innen wurden bislang nicht erfüllt. Dazu gehört beispielsweise die Forderung, die Eigenbezeichnung Syriens als „Arabische Republik“ abzuändern, weil dieser Name ganze Gruppen wie die Kurd:innen, Drus:innen und Armenier:innen übergeht. Auch appellierten Mazlum Abdi und Ilham Ahmed mehrfach daran, die Rechte der Kurd:innen und weiterer Minderheiten per Verfassung zu schützen. Dieserlei Forderungen wurde bis jetzt nicht nachgegangen.
Eine zentrale Bedeutung kam dem kulturellen Aspekt zu – allen voran dem Unterricht in der Muttersprache. Eine der Errungenschaften der Demokratischen Selbstverwaltung war, dass Kurd:innen sowie auch andere Minderheiten dank ihrer ehemaligen Verfassung – dem Gesellschaftsvertrag von 2023 – Unterricht in der Muttersprache garantiert wurde. Jetzt allerdings sollen Kurd:innen wahlweise drei bis vier Stunden Unterricht pro Woche erhalten, wobei die Zahl je nach Quelle leicht variiert.
Diese Politik Damaskus’ sorgt für viel Aufsehen. Kurd:innen haben sogleich einen Schulstreik ins Leben gerufen – dieser breitete sich auf die gesamten kurdischen Regionen aus. Darüber hinaus gibt es nach wie vor eine feindselige Einstellung gegenüber den Kurd:innen in Syrien. Beim kurdischen Neujahrsfest (Newroz) im März kam es zu vermehrten Angriffen auf Kurdinnen, die mit kurdischen Fahnen und Trachten das Fest zelebrierten. Auch diejenigen Kurd:innen, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden (z.B. in Serekaniye), gerieten ins Visier von Söldnern, die die beschlagnahmten Wohnungen und Häuser den eigentlichen Besitzern nicht zurückgeben wollen. So kam es zu Angriffen auf Rückkehrende, weshalb die Rückkehr vorerst auf Eis gelegt wurde.
Der 26-jährige kurdische Soldat Samî Şêxmûs Hiso, bekannt als Sîpan Hiznî, wurde am 11.09.2026 in Hesekê entführt und auf dem Weg nach Dêrazor brutal getötet. Laut Berichten wurde er zunächst mit einem scharfen Gegenstand getötet und anschließend erschossen; die Täter sollen die Tat gefilmt und das Video verbreitet haben. Mehrere Verdächtige wurden festgenommen, wobei eine mögliche Beteiligung von Mitgliedern des arabischen Al-Baggara-Stammes untersucht wird; bislang hat keine Gruppe die Verantwortung übernommen. In den kurdisch geprägten Gebieten kam es daraufhin zu zahlreichen Protesten, bei denen Berichten zufolge auch Menschen verletzt und getötet wurden.
Integration oder doch Diktat?
Schaut man sich den gesamten Verlauf des Integrationsprozesses an, so sehen wir unverkennbar, wie Ahmad al-Shara bestrebt ist, sämtliche Errungenschaften der Revolution ungeschehen zu machen. Weil diese sich in die Herzen der Kurd:innen, verschiedener Völker und fortschrittlicher Kräfte geschlossen hat, muss al-Shara einen Eiertanz aufführen, um dieses Vorhaben kryptisch umzusetzen und zugleich das kurdische Volk ruhig zu stimmen und es nicht gegen sich aufzubringen.
Al-Shara ist bestrebt, für Ruhe in Syrien zu sorgen. Ein weiteres Aufflammen eines offenen Konflikts mit den Kurd:innen kann er nicht gebrauchen. Daher die Abkehr von dem Vorhaben, kurdischen Städten arabische Namen zu geben, nachdem Kurd:innen auf die Straße gingen. Vor allem möchte er dies nicht, weil auch die Frage nach der Zukunft der antagonistischen Drus:innen im Süden ungelöst ist. Hinzu kommt, dass er nach außen hin das Bild eines stabilen Syriens vermitteln will, auch um die etwaige Rückkehr geflüchteter Syrer:innen (z.B. aus Deutschland) zur Verhandlungssache machen zu können. Feigenblätter wie das Präsidialdekret vom Januar, das Kurdisch als nationale Sprache definiert, reichen bei Weitem nicht aus, um von einer Integration der Autonomie zu sprechen. Denn alle Wesensmerkmale Rojavas werden nach und nach unterminiert, wohingegen die Forderungen der Kurd:innen beiläufig abgetan werden.
Das Fortbestehen autonomer Frauenstrukturen, der offizielle Erhalt der YPJ, kulturelle Gleichberechtigung, ein verfassungsmäßiger Status für die Kurd:innen und die Umbenennung der „Arabischen Republik“ sind unabdingbare Schritte, will man von einer ebenbürtigen Integration sprechen. Alles andere sind nur temporäre Maßnahmen, die schon morgen von Ahmad al-Shara, der die Macht in seinen Händen konzentriert, zurückgenommen werden können. Dass Kurdisch per Dekret als Sprache anerkannt wird, hat keine Bedeutung, wenn der kurdische Unterricht auf wenige Stunden pro Woche – und das als Wahlfach – degradiert wird. So verhält es sich mit allen Maßnahmen, solange sie nicht fester Bestandteil einer neuen Verfassung werden.Das, was aktuell vonstattengeht, ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Wir beobachten den Prozess der Integration mit großer Sorge angesichts der oben genannten Unzulänglichkeiten und Ungleichmäßigkeiten.
Das kurdische Volk kann und wird eine solche ungerechte Form der Integration nicht akzeptieren. Durch ihre Boykotte und Proteste zeigen die Menschen in Rojava, dass die politischen und ideologischen Erfahrungen der Rojava-Revolution weiterhin tief in ihnen verankert sind.
