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Von Kobanê bis Gaza – Die Besatzung besiegen eine Auswertung und ein Reisebericht von der Kampagne

Der Genozid in Gaza hat seit 2023 Zehntausende Tote gefordert. Während Regierungen, Parteien und Organisationen sich weltweit von der Wahrheit abwendeten und die Realität eines Völkermords ignorierten oder sogar legitimierten, wuchs eine internationalistische Solidaritätsbewegung heran. In verschiedensten Aktionsformen, ob Blockaden, Unibesetzungen, Streiks oder Großdemonstrationen, organisierte man sich für ein Ende des Genozids und der Blockade Gazas. Eine weitere Aktionsform, die bereits 2005 von der Freedom Flotilla Coalition ins Leben gerufen wurde, ist die Schiffahrt nach Gaza, bei der über den Seeweg humanitäre Hilfe nach Gaza gebracht werden sollte. Die Initiative entstand nach dem Beginn der Blockade Gazas und sollte diese auf dem Seeweg über das Mittelmeer brechen. Im Jahr 2025 gab es bereits die Delegation der Madleen im Juni und der Handala im Juli, die jeweils aus 10–20 Aktivist:innen auf einem Boot bestand.

Doch als sich die Lage der Bevölkerung Gazas drastisch verschlechterte und zum Kriegszustand auch die Hungersnot hinzukam, wurde die Global Sumud Flotilla ins Leben gerufen. Mit ihr sollten 50 Boote mit 500 Aktivist:innen, Politiker:innen und Freiwilligen auf den Weg nach Gaza machen. Diese Flotilla-Mission wurde auf einem neuen Niveau angegangen. Es wurden Delegierte aus aller Welt aufgestellt, die eine große Solidaritätsbewegung hinter sich hatten. Ein Delegierter für die Global Sumud Flotilla sollte unser Peoples-Bridge-Vertreter Murat Okundu sein:

Warum nach Gaza segeln?

Der Umstand, dass die kapitalistischen Staaten dem Genozid in Palästina tatenlos zusahen und im Inland jene repressiv verfolgten, die ein Ende dieses Genozids forderten, führte dazu, dass die Protestierenden nach neuen Formen des Widerstands suchten. Trotz aller Repressionen gaben die Straßenproteste nicht nach und setzten die Staaten weiterhin unter Druck zu handeln.

Dass sich nun einige Länder bereiterklären, Palästina als Staat anzuerkennen, darf nicht verklärt werden: Dies beseitigt weder die bestehenden Missstände noch beendet es die Kolonisierung Palästinas. Dennoch ist dieser – vorerst symbolische – Schritt ein Ergebnis des Drucks der Massen. Auch die Generalstreikdrohungen der italienischen Hafenarbeiter zeigten Wirkung: Die Faschistin Meloni sah sich gezwungen, zwei Schiffe zu beauftragen, um die Flottille zu begleiten. Ebenso entsandte der spanische Staat ein Schiff, das sich der Flottille anschloss.

Als die Flottille jedoch die „gefährliche Zone“ erreichte, zogen beide Staaten ihre Schiffe zurück. Dies zeigt einerseits deutlich, dass die Proteste und die organisierten Streikdrohungen der Massen den Regierungen so viel Angst einjagen, dass sie zu solchen Maßnahmen greifen, um die Bevölkerung so lange wie möglich ruhig zu halten.

Andererseits ist dies ein weiterer Hinweis darauf, dass sie kein wirklich konsequentes Interesse am Ende des Genozids haben. Teilweise verdienen sich Staaten durch Waffenexporte im Kontext dieses Genozids eine goldene Nase.

All diese Umstände führten dazu, dass die bislang gescheiterten Versuche, mit einem einzelnen Schiff die seit 18 Jahren verhängte illegale Blockade Gazas zu durchbrechen, ein neues Niveau erreichten: Es sollte die größte Flottenaktion entstehen, die jemals zu diesem Anlass organisiert wurde.

Dies ist eine der größten internationalen Solidaritätsaktionen der letzten Jahrzehnte. Mehrere Zehntausend Menschen bewarben sich um einen Platz auf den Schiffen.

So machte auch ich mich auf den Weg – als Kurde, also als jemand, dem Kolonialismus, Massaker und Vertreibungen nun wahrlich nicht fremd sind – um an dieser internationalen Mission teilnehmen zu können.

Nach der internationalen 68er-Bewegung führte das geteilte Leid beider Völker in den libanesischen Bürgerkrieg, in dem sie Seite an Seite gegen die israelische Besatzungsmacht kämpften. 1982 fielen die ersten PKK-Guerilleros im Libanon im Widerstand gegen Israel – Jahre bevor sie den bewaffneten Kampf gegen die Türkei aufnahmen. Ihre militärische Ausbildung erhielten sie in den Camps sozialistischer Parteien wie der Demokratischen Front zur Befreiung Palästinas (DFLP).

Die heutige Beziehung zwischen den politischen Führungen beider Befreiungsbewegungen ist weit entfernt von der Realität jener Jahre.

Und um dies zu verändern, wollte ich voranschreiten, ein Zeichen setzen und zeigen, dass das Leid beider Völker nur durch gemeinsamen internationalistischen Widerstand beendet werden kann. Denn Kolonialismus ist ein System, das von imperialistischen Staaten gestützt und geschützt wird. Sie sind international vernetzt; folglich muss auch der Kampf der Unterdrückten international organisiert werden.

Die ersten Tage brachten viele Eindrücke. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Solidaritätsdemo in Tunesien am zweiten Tag unserer Reise. Auf den ersten Blick wirkte alles wie in Deutschland: bunte Teilnehmende, vielfältige Parolen, lebendige Stimmung. Doch beim genaueren Hinsehen zeigten sich klare Unterschiede. In Deutschland stehen wir bei Demos gegen den Genozid in Palästina oft unter ständigem Druck der Polizei – begleitet von Drohungen, Angriffen und Repressionen.

In Tunesien hingegen fehlte diese Form der Zensur völlig. Wir konnten alle üblichen Parolen, darunter auch „From the river to the sea, Palestine will be free“, frei rufen, ohne Schlagstöcke, Pfefferspray oder Gewahrsam fürchten zu müssen.

Israel griff an zwei aufeinanderfolgenden Tagen einzelne Schiffe per Drohne an – eindeutig, um Menschen einzuschüchtern und vom Boarding abzuhalten. Am nächsten Tag gab die Global Sumud Flotilla eine gemeinsame Presseerklärung ab: Die Angriffe würden sie nicht davon abbringen, ihre Mission fortzuführen.

Diese Angriffe waren für mich und meine Genoss:innen angesichts der langen, gewaltgeprägten Geschichte Israels erwartbar und daher kein Schock. Israels Angriffe auf andere Länder sind nichts Neues; seit dem 7. Oktober waren unter anderem Syrien, Katar, Iran, Jemen und der Libanon betroffen. Dass selbst die gewaltfreie Aktion der Global Sumud Flotilla zu einem Angriff führt, zeigt aus meiner Sicht bereits das zutiefst verbrecherische Wesen dieses Staats.

Auch wenn meine Teilnahme in Tunesien aufgrund der Komplikationen, die eine so große Organisierung mit sich bringt, missglückte und ich nicht auf eines der Boote kam, blieb für mich eines unverändert: Wieder zurückgekehrt bedeutete es, den Einsatz für eine gerechte Welt und das Ende des Genozids von Deutschland aus weiterzuführen – und nicht aufzuhören, bis unsere Völker frei sind, von Palästina bis Kurdistan.

Der Erfolg der Aktion wird nicht nur auf dem Meer entschieden

Die Ziele der Aktion waren von Beginn an offensichtlich. Doch ihr Erfolg wurde nur zu einem Teil von den Booten aus getragen. Ohne den Aufschrei der Völker und Arbeiter:innen weltweit wäre der politische Druck, die gefangenen Aktivist:innen freizulassen, nicht von Bedeutung gewesen. So erklärten bereits vor Abfahrt der Schiffe italienische Hafenarbeiter:innen: „Wenn wir auch nur 20 Minuten Kontakt zu den Booten verlieren, werden wir Europa blockieren.“ Und tatsächlich wurden in der Nacht, als die Boote der Global Sumud Flotilla gekapert wurden, weltweit großflächige Protestaktionen durchgeführt. In Italien wurden die Häfen blockiert, Generalstreiks ausgerufen und in mehreren Universitäten ebenfalls Streiks durchgeführt. Auch in Deutschland und vor allem in Berlin nahmen sich Tausende Menschen die Straße. Am Abend und am Tag nach der Kaperung der Global Sumud Flotilla-Delegation kam es zu großen Protesten, die von der Polizei mit starken Repressionen beantwortet wurden. Auch am 8. Oktober, nachdem die Conscience und die Global Freedom Flotilla gekapert worden waren, nahmen sich Tausende Menschen die Straßen.

In Berlin wurde ab dem Tag der Festnahme ebenfalls ein Hungerstreik begonnen. So entschieden sich am 4. Oktober Aktivist:innen von Young Struggle, Zora, Plattform der Stimme politischer Gefangener (TSP), Pride Rebellion, Palästina Spricht und Peoples Bridge, durch die Verweigerung von Nahrung in Aktion zu treten. Um den Hungerstreik herum wurden Diskussionsrunden und Mahnwachen vor dem Auswärtigen Amt organisiert. Eine Vertreterin von Peoples Bridge war ebenfalls Teil des Hungerstreiks.

Letztlich wurde erreicht, dass alle Freiwilligen, die humanitäre Güter nach Gaza bringen wollten, freigelassen wurden. Auch wenn die Schiffe nicht in Gaza anlegen konnten, wurden die Staaten dazu gezwungen, zu Israels genozidaler Politik Stellung zu beziehen. Auch der Staat Israel selbst stand noch einmal mehr unter Druck und wusste, dass die Misshandlung der gefangenen Aktivist:innen Konsequenzen mit sich tragen würde.

Die Bedeutung der internationalen Solidarität

Als 2015 die Stadt Kobanê befreit wurde, hat die Welt nicht weggeschaut, sodass eine Solidaritätsbewegung entstand. Diese war maßgeblich für den Sieg. Einmal bedeutet die internationale Solidarität natürlich Druck, der in Europa auf die Regierungen ausgeübt wurde, aber auch eine ideologische Stärkung für die Streitkräfte der YPG/YPJ. Die Initiative der Global Sumud Flotilla, der Conscience und der Global Freedom Flotilla sowie die Bewegung, die sich dahinter versammelt hat, zeigt eine erneute Welle internationalistischer Solidarität, in der die Aktivist:innen auf den Booten in Verbindung mit den Aktivist:innen und Arbeiter:innen in allen Ländern eine Aktionseinheit eingegangen sind.

In diesem Stil – ob in den 68er-Jahren in Vietnam, 2015 in Kobanê oder ab 2023 in Gaza – muss der Kampf gegen Besatzung und Genozid lokal und international gemeinsam geführt werden. Wir haben uns aus diesem Grund auch als Rojava-Solidaritätsplattform die Kampagne „Von Kobanê bis Gaza – Die Besatzung besiegen“ ins Leben gerufen. Wir sind zuversichtlich, dass sich mit der zuspitzenden Lage im Mittleren Osten und weltweit weitere internationalistische Bewegungen entwickeln und auch zu einer Einheit werden können.