Das Jahr 2025 neigt sich dem Ende zu, und auch als Peoples Bridge möchten wir dieses für uns Revue passieren lassen. Hierbei soll es nicht um die politischen Entwicklungen gehen. Diese sind in unserem Dossier „1 Jahr nach Assad“ nachzulesen. In diesem Artikel möchten wir unsere Arbeit und Aktionen des Jahres auswerten.
Im Januar veranstalteten wir als Antwort auf die Debatte um die neuen Machthaber Syriens einen Vortrag in Berlin. Zuvor wurden in der Stadt, besonders in der internationalistischen Bewegung, Diskussionen über den Sturz Assads und die Unterstützung der HTS geführt. Wir haben mit dem Vortrag unsere Perspektive für ein demokratisches Syrien geteilt und die Rolle Rojavas darin diskutiert.
Ende Januar wurden wir in Wien eingeladen, einen Vortrag zu halten. Wir nahmen den Nahen Osten seit der Finanzkrise von 2008 unter die Lupe und analysierten die politischen Entwicklungen in der Region. Der Schwerpunkt lag dabei auf der Rojava-Revolution als Ergebnis dieser politischen und ökonomischen Kausalzusammenhänge. Zudem verschafften wir den Teilnehmenden einen Überblick über die Situation nach der Machtübernahme durch HTS.
Im Februar durften wir in London und Manchester an Podiumsdiskussionen mit Young Struggle teilnehmen. In London thematisierten wir die Geschichte des kurdischen und palästinensischen Widerstands. Dabei untersuchten wir die historischen Verbindungen zwischen beiden Bewegungen, ihre Ursachen sowie den heutigen Stand einer etwaigen Zusammenarbeit.
In Manchester diskutierten wir die Bedingungen, die zur Rojava-Revolution führten, ihre Errungenschaften und die aktuellen Herausforderungen, denen sie gegenübersteht – auch im Kontext des palästinensischen Widerstands. Auf dem Podium sprach YS über die Jugend als dynamische Kraft des Widerstands und stellte konkrete praktische Aufgaben zur Diskussion.
Zum Neujahrsfest Newroz, welches traditionell von Kurd:innen und anderen Völkern in Asien gefeiert wird, veranstalteten wir am 21. März eine kleine Newroz-Feier in Berlin. Wir hielten gemeinsam mit Young Struggle einen Vortrag über die kulturelle und widerständige Tradition des Festes, aßen und tanzten gemeinsam.
Das Jahr 2025 stand auch im Zeichen des 10. Todestags der internationalistischen Kämpferin Ivana Hoffmann, die am 7. März 2015 im Kampf gegen den IS unsterblich wurde. Zu diesem Anlass arbeiteten viele Genoss:innen werktätig an der Organisierung des 10. Ivana-Hoffmann-Festivals in ihrer Heimatstadt Duisburg. Im Mai wurde zur Mobilisierung eine Podiumsdiskussion veranstaltet, an der Vertreter:innen von Peoples Bridge, Young Struggle und der Roten Hilfe teilnahmen. Wir beleuchteten die aktuelle Situation in allen vier Teilen Kurdistans, insbesondere im Zusammenhang mit dem aktuellen, von Abdullah Öcalan geführten Friedensprozess. Neben uns nahmen Young Struggle und die Rote Hilfe am Podium teil. Young Struggle stellte die antiimperialistische Perspektive der Jugend in den Mittelpunkt, während die Rote Hilfe die zunehmenden Repressionen gegen solidarische Aktivist:innen mit Kurdistan und Palästina thematisierte.
Auch am Ivana-Festival nahmen wir mit einem Infostand und einem Redebeitrag teil.
Ende Juni trafen wir uns mit Genoss:innen der Partei MLPD und diskutierten die Situation in Syrien/Rojava und entwickelten Ideen für ein koordiniertes Vorgehen zugunsten der Rojava-Revolution. Anfang Juli sprachen wir schließlich mit dem Team des linken Bundestagsabgeordneten Ferat Koçak. Wir planten konkrete Schritte, um die Verdienste der Rojava-Revolution sichtbarer zu gestalten und in dem Sinne auch eine zukünftige Zusammenarbeit. Wir trafen uns ebenfalls mit Zozan Gül aus dem Kreisverband Duisburg der Partei die Linke und mit der Uniorganisation „die Linke Liste“ aus Köln.
Ende Juni und Anfang Juli hielten wir drei Vorträge in Italien. Wir veranstalteten verschiedene Bildungen, welche die Entstehung der Rojava-Revolution und die Lage im Mittleren Osten beleuchteten. In Rom veranstalteten wir eine Diskussion mit Genoss:innen der Jineolojî und analysierten ebenfalls die aktuelle Lage sowie die Perspektive der kommunistischen Organisationen vor Ort.
Am 21. Juli jährte sich das Massaker in Pirsûs (tr. Suruç) zum 10. Mal. Dabei handelte es sich um ein Attentat auf eine Delegation hunderter Aktivist:innen und Revolutionäre, die in der Türkei und Nordkurdistan Spenden und Helfer:innen mobilisierten, um die zerstörte Stadt Kobanê nach der Befreiung wieder aufzubauen. Durch den Anschlag kamen 33 Menschen ums Leben. Wir beteiligten uns in verschiedenen Städten an Veranstaltungen und Demonstrationen. In Köln griff die Polizei willkürlich die Demonstration an und verletzte mehrere Teilnehmer:innen.
Vom 26. bis 31. August fand in Köln das Rheinmetall-Entwaffnen-Camp statt. Linke Strukturen, Demokrat:innen und Kriegsgegner:innen kamen eine Woche zusammen, um den Stand der Kriegsbewegung zu diskutieren und diese zu stärken. Wir beteiligten uns an den Diskussionen und konnten vielen spannenden Bildungen, wie zum Beispiel vom Widerstandsnetzwerk Schweiz über revolutionäre Perspektiven für Rojava, zuhören. Es wurden verschiedenste Aktionen gegen Kriegsinstitutionen durchgeführt. Das Camp sollte am 31.8. mit einer Demonstration im Stadtzentrum abgeschlossen werden. Nach ca. einem Kilometer griff die Polizei die Demonstration gewalttätig an und kesselte die Teilnehmer:innen schließlich über 10 Stunden. Es kam zu Verletzten im zweistelligen Bereich. Dennoch war das Camp ein wichtiger Höhepunkt, an dem verschiedenste Bewegungen sich austauschten und die Komplizenschaft Deutschlands in weltweiten Kriegen erörterten.
Im September wurde die Mission der Global Sumud Flotilla ins Leben gerufen. Während die letzten Jahre immer einzelne Boote nach Gaza gefahren sind, setzte sich diese Kampagne das Ziel, mit 50 Booten die Blockade des Gazastreifens zu brechen. Diese Initiative war die Antwort auf die Tatenlosigkeit der Staaten gegenüber dem Genozid, aber auch ein Zusammenschluss tausender Internationalist:innen für das palästinensische Volk. Als Internationalist:innen und Organisation, welche den vereinten Kampf des kurdischen und palästinensischen Volkes stets voranbringt, entschlossen wir uns, ebenfalls mit der Global Sumud Flotilla zu segeln. Wir wollten auch aufzeigen, dass Israel mit den USA seit dem 7. Oktober aktiv daran arbeitet, den Mittleren Osten für sich umzubauen und dabei das Leben tausender Zivilist:innen in Kauf nimmt. So wurde von uns die Kampagne „Von Kobanê bis Gaza – die Besatzung besiegen“ ins Leben gerufen.
Am 1. September reiste einer unserer Vertreter:innen, Murat Okundu, nach Tunis, um an den Vorbereitungen teilzunehmen und von dort aus die Reise nach Gaza anzutreten. Aufgrund verschiedener Komplikationen uns leider nicht an der Flotte beteiligen. Dennoch war die Zeit in Tunesien eine große Bereicherung für uns. Vor Ort nahmen wir an verschiedenen Solidaritätsaktionen teil und konnten viele neue Kontakte knüpfen.
In Deutschland führten wir dennoch unsere Kampagne fort. So wurde am 12. September in Berlin ein Vortrag unter dem Motto „Von Kobanê bis Gaza – die Sumud Flotilla als Brücke der Völker“ veranstaltet. Wir analysierten die Lage des Mittleren Ostens und diskutierten die Wichtigkeit des vereinten Kampfes der lokalen Völker, vor allem dem des palästinensischen und kurdischen Volkes. Hierbei ordneten wir ein, wie die Global Sumud Flotilla als größte internationalistische Initiative der letzten Jahre einzuordnen ist. Mit unseren Materialien für die Kampagne waren wir in Berlin, anderen Städten Deutschlands, aber auch auf dem Festival „Fête de l’Humanité“ in Paris präsent und konnten einige interessante Diskussionen führen.
Auch wenn sich die Crews aller Schiffe bewusst waren, dass die Flotten angegriffen und mitsamt aller Mitglieder vor der Küste Gazas entführt werden könnten, segelten hunderte Boote zuversichtlich in Richtung Palästina. Am 1. Oktober wurden die Schiffe der Global Sumud Flotilla vor Gaza von der israelischen Armee gekapert und alle Mitglieder verhaftet. In ganz Deutschland und Europa kam es zu Protestwellen. In Italien wurde für einen Tag mit einem Solidaritätsgeneralstreik das Land lahmgelegt. Hier hat sich gezeigt, dass eine Bewegung geboren wurde, die in direkter Aktion auf dem Boot und mit Demonstrationen, Streiks und Besetzungen an Land in einem dialektischen Verhältnis zueinander steht. So organisierten wir ab dem 4. Oktober in Berlin mit Young Struggle, Zora, Plattform der Stimme politischer Gefangener (TSP), Pride Rebellion und Palästina Spricht einen Hungerstreik. Das Bündnis forderte die Freilassung aller inhaftierten Aktivist:innen, einen Stopp der völkerrechtswidrigen Blockade Gazas, die Einstellung aller deutschen Waffenlieferungen nach Israel und einen sofortigen Stopp des Genozids in Gaza.
In dieser Zeit veranstalteten wir Mahnwachen, Flyeraktionen und Diskussionsrunden. Auch vor dem Auswärtigen Amt wurden Kundgebungen abgehalten, um die deutsche Regierung auf ihre Verantwortung zur Rückführung der Inhaftierten, aber auch zum Genozid in Gaza hinzuweisen. Am 8. Oktober wurden die Schiffe der Freedom Flotilla Coalition und der Conscience gekapert. Auch für die Gefangenen dieser Flotte wurde der Hungerstreik weitergeführt und schließlich am 13. Oktober beendet.
Vom 25. September bis zum 1. Oktober fand in Berlin das alljährliche kurdische Filmfestival statt. Auf Einladung des Filmproduzenten nahmen wir an der Filmvorstellung der Dokumentation „Vartinis“ teil. Im Nachhinein berichteten die Überlebenden des Vartinis-Massakers von den Repressionen durch die türkische Armee in den 90er-Jahren.
Mitte Oktober wurden wir von einem Bündnis der revolutionären Einführungswochen an der TU Berlin zu einem Vortrag eingeladen. Wir revidierten die letzten Ereignisse in Syrien und diskutierten Rojava als Perspektive für ein demokratisches und plurales Syrien.
Am 8. November beteiligten wir uns in Köln an der zentralen Demonstration für die Freiheit von Abdullah Öcalan, der seit 1999 in Haft sitzt.
Mitte Dezember nahmen wir in Gelsenkirchen am Brigadist:innentreffen für den Bau eines Krankenhauses und das Entsenden medizinischen Personals nach Gaza teil. Auf dem Treffen wurde ein gemeinsamer Wille geschaffen, gemeinsam direkte Hilfe für Gaza zu organisieren und internationale Solidarität in die konkrete Praxis umzusetzen. Auch von der Aufbaukampagne der Geburtenklinik in Kobanê, die 2016 von einer internationalen Delegation gebaut wurde, wurden einige Erfahrungen geteilt.
Hierbei handelt es sich um eine Initiative der ICOR (International Coordination of Revolutionary Parties and Organizations), die wir sehr begrüßen. Den Tag darauf wurde bei einer Versammlung die bundesweite Palästina-Solidaritätsorganisation „Gaza soll leben“ gegründet. Wir beteiligten uns mit Diskussionsbeiträgen, um die Wichtigkeit des vereinten Kampfes gegen die Kriege im Mittleren Osten hervorzuheben.
Dieses Jahr war für uns von vielen Erfolgen geprägt, hat aber auch gezeigt, dass sich die Kriege weltweit und auch die Lage in Syrien zuspitzen. Aktuell befinden wir uns in einer Übergangsphase, in der ein neues Syrien gebaut wird und sich entscheidet, ob es ein demokratisches oder islamistisches, föderales oder zentralisiertes Syrien wird. Somit wird sich auch der Status Rojavas in dieser Zeit klären. Im Lichte der Verhandlungen müssen wir von Europa aus die Position der Revolution stärken. Im kommenden Jahr ist eine unserer Hauptaufgaben, die widerständigen Kräfte und Völker Syriens zu unterstützen. Die Drus:innen, Alawit:innen und Nordostsyrien müssen gegen die Angriffe seitens der HTS-Regierung zusammenstehen.
Des Weiteren wollen wir 2026 im Lichte der globalen Zuspitzungen die Solidarität mit allen Unterdrückten fördern und die internationale Solidarität stärken.
