Aus Anlass des Befreiungstags von Kobanê am 26. Januar
1- Vor dem Hintergrund weitreichender Krisen und Konflikte im Nahen Osten entstand die Revolution in Rojava als antikoloniale, geschlechtergerechte und demokratische Alternative. Der Aufstand der Völker Syriens, als Teil der Volksaufstände in Nordafrika und im Nahen Osten, wurde durch die Intervention imperialistischer Mächte schnell in einen reaktionären Bürgerkrieg verwandelt. In diesem reaktionären Bürgerkrieg füllten die kurdischen Menschen – gestützt auf die militärische Stärke der Guerilla und langjährige politische Arbeit unter kurdischen Arbeiter:innen in Rojava/Nordostsyrien – das entstandene Vakuum. Von Anfang an ging die Bedeutung und der Einfluss von Rojava weit über die physischen Grenzen der drei Kantone Afrin, Kobanê und Cizîre hinaus. Rojava war nicht „nur“ Rojava. Es ist die erste Revolution des neuen Jahrhunderts, die die Machtfrage zugunsten der werktätigen Völker stellt. Seit mehr als 14 Jahren kämpft sie ums Überleben und um den Schutz der Errungenschaften der Revolution.
2- Der internationalistische Charakter der Revolution ist seit dem 19. Juli 2012 ein prägendes Merkmal. Politisch wurde die Revolution als antikoloniale demokratische Revolution des kurdischen Volkes errungen, verteidigte jedoch von Beginn an auch ein volksdemokratisches Programm für die anderen Völker der Region. Darüber hinaus mobilisierte das kurdische Volk seine gesamte politische, militärische und organisatorische Erfahrung sowie die Lehren aus den Kämpfen in allen vier Teilen Kurdistans in Rojava. Schon vor der Revolution hatte die Guerilla Kräfte aus allen vier Teilen in ihren Reihen vereint. Mit der Revolution schlossen sich junge Menschen aus allen vier Teilen der Verteidigung der Revolution an. Internationalistisch-kommunistische und revolutionär-demokratische Parteien und Organisationen beteiligten sich ebenfalls an ihrer Verteidigung. Insbesondere türkische und arabische Revolutionär:innen übernahmen wichtige militärische und politische Rollen beim Aufbau der Strukturen revolutionärer Führung und Organisation.
3- Der Angriff des IS auf Kobanê mit Unterstützung des türkischen Staates und die Verteidigung der Stadt waren zweifellos der wichtigste Wendepunkt der Revolution – und damit auch der Solidaritätsbewegung. Jede Revolution kann sich nur durch den Kampf gegen die Konterrevolution behaupten, die als ihr Gegenpol wächst. Der IS verkörperte den konterrevolutionären Pol zur Revolution. Aus diesem Grund wurden die kurdischen volksdemokratischen Errungenschaften zum primären Ziel der politisch-islamistischen faschistischen Banden und des türkischen Staates. Die Verteidigung von Kobanê wurde zur Speerspitze des Kampfes gegen die politisch-islamistische und faschistische Reaktion in der Region. Tausende überschritten die kolonialen Grenzen des türkischen Staates und schlossen sich dem Widerstand an. Internationalistische Jugendliche aus aller Welt verteidigten „ihre“ Revolution. Später organisierten sich diese Kräfte im Internationalen Freiheitsbataillon (IFB) und in anderen Formationen. Kurdische Frauen verteidigten die Frauenrevolution gegen die reaktionärste Form des Patriarchats. Gleichzeitig entstanden weltweit Solidaritätsbewegungen. Solidarischer und praktischer Internationalismus wurde zu einer wichtigen Front in der Verteidigung der Revolution.
4- Seitdem ist die Solidaritätsbewegung mit Rojava/Nordostsyrien eine der dynamischsten Bewegungen in Europa – allerdings mit einer Tendenz zur Schwächung. Der Besatzungskrieg in Afrin führte zur Bildung vieler Komitees und Plattformen, brachte aber auch moralische Verluste mit sich. Der Krieg in Serekaniyê, der Rückzug der SDF und die sichtbare Beziehung zu den Vereinigten Staaten führten zu Brüchen innerhalb der Bewegung. Diese Entwicklungen wurden durch globale politische Eskalationen und wachsende Verantwortungen in den Herkunftsländern der Aktivist:innen verstärkt. Ein idealistisches und steriles Verhältnis zu politischen Aufgaben, kombiniert mit einer schwachen Verbindung zu den realen Problemen der Revolution, führte zu einem Verlust an Mobilisierung.
5- Angesichts der türkischen kolonialen Bedrohung gewannen diplomatische Bemühungen zunehmend an Gewicht. In Rojava/Nordostsyrien entstanden Tendenzen, die die interne Mobilisierung schwächten. Diese Tendenzen verschärften sich nach dem Machtwechsel in Damaskus 2024 und dem laufenden Prozess mit A. Öcalan und dem türkischen Staat. Die liquidatorischen Angriffe auf Rojava, dieser Prozess und der Krieg seit der Besetzung von Nord-Aleppo verschärften die Fronten und machten deutlich, dass die Errungenschaften der Revolution gegen den Westen und die reaktionären Staaten verteidigt werden müssen.
6- Heute wächst die Solidaritätsbewegung erneut angesichts der Gefahr der vollständigen Liquidierung kurdischer Errungenschaften. Kobanê steht erneut vor der Bedrohung eines Angriffskriegs. Ein zweiter Kobanê-Widerstand entsteht und wird die Zukunft der Völker der Region bestimmen. Entscheidend ist nun die Stärkung der praktischen Solidarität mit den Institutionen und Völkern von Rojava, die Mobilisierung der Arbeiter:innen- und Linkenbewegung sowie die Entlarvung und aktive Opposition gegen die Unterstützung des HTS-Regimes durch westliche Staaten.
