Während wir vor Ort in Nordostsyrien sind, hatten wir die Gelegenheit, Cemil Seydo, Mitglied der Generalversammlung der Revolutionären Kommunistischen Bewegung in Rojava (TKŞ), zu interviewen. In diesem Interview gibt er einen Überblick über die jüngsten Ereignisse in Nordostsyrien und analysiert diese politisch.
„Was auch immer die Zukunft bringt, wir können uns nicht voneinander trennen. Als Kommunist:innen stellen wir uns gegen jede Politik, die alle Schuld der DAANES zuschiebt. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, Teil ihrer Institutionen, und wir kämpfen zu ihrer Verteidigung. Wir hatten auch in den letzten Wochen Genoss:innen, die als Märtyrer:innen im Kampf gefallen sind. Einige Genoss:innen werden noch vermisst. Wir sind Teil dieser Revolution – und wir werden sie weiter verteidigen.“
PB: Wie ist eure Analyse der jüngsten Ereignisse, die sich in Syrien abgespielt haben?
Um zu verstehen, was kürzlich in Nordostsyrien/Rojava und in Syrien passiert ist, müssen wir die Geschichte betrachten und die Natur des Regimes von Bashar al-Assad verstehen, aber auch, wie seine Diktatur endete und welche bedeutende Rolle imperialistische Staaten wie die USA, Großbritannien und Israel spielten.
Das Baath-Regime war zweifellos eine Diktatur, die immer auf kolonialer Basis gegen das kurdische Volk vorging. In den letzten 15 Jahren richteten sich seine Politik gegen alle syrischen Menschen: Tausende Syrer:innen wurden getötet, in den Gefängnissen des Regimes gefoltert oder vertrieben. Angesichts dieser Massaker leisteten die Menschen Widerstand und versuchten, sich zu organisieren. Aber die FSA (Freie Syrische Armee) strukturierte sich auf eine Art und Weise und nahm politische Positionen ein, die wir nicht unterstützen konnten, weshalb die DAANES (Demokratische Autonome Administration von Nord- und Ostsyrien) einen dritten Weg wählte – weder Bashar noch die FSA. Dieses Dritte-Weg-Projekt basierte in erster Linie auf dem Willen, unser Volk und unsere Regionen zu schützen. Und wir können sagen, dass es bis zu einem gewissen Grad funktionierte, weil keine externe Macht in unsere Gebiete eindringen konnte.
Nach dem Fall von Bashar al-Assad hörte die Intervention der genannten imperialistischen Länder nicht auf – sie verstärkte sich, entsprechend ihrem langjährigen Plan, den mittleren Osten neu zu gestalten. Die Angriffe auf die Hisbollah und die Ermordung ihrer Anführer, der Versuch, die Hamas auszulöschen und alle palästinensischen Gebiete zu erobern – all diese Operationen sind Teil derselben imperialistischen Strategie.
In Syrien setzten sie anstelle von al-Assad einen noch schlimmeren Diktator an die Spitze des Staates – einen Islamisten mit jihadistischer Vergangenheit. Ahmed al-Sharaa, bekannt als Jolani, ist nichts anderes als eine Marionette imperialistischer Interessen. Seit er die Macht übernommen hat, hat er nichts anderes getan, als die syrische Gesellschaft entlang religiöser Linien zu spalten und Gewalt gegen die eigene Bevölkerung zu entfesseln – durch Massaker an Drus:innen und Alawit:innen, durch die Entführung Dutzender alawitischer Frauen, die später nach Idlib verschleppt und verkauft wurden.
Die Angriffe gegen die Drus:innen begannen in den Vierteln Jaramana und Sahnaya, setzten sich dann in Suwayda fort – trotz eines bestehenden Waffenstillstands. Arabische Beduinenstämme wurden mobilisiert, um diese Angriffe durchzuführen, aber eine große Zahl von Kämpfern der syrischen Übergangsregierung war ebenfalls beteiligt, einschließlich ausländischer Kämpfer. Viele wurden getötet. Frauen wurden vergewaltigt.
Jolani hat sogar den Weg für eine ausländische Besatzung geebnet. Israel nutzte den sogenannten „Schutz“ der Drus:innen als Vorwand, um einen noch größeren Teil syrischen Territoriums im Süden zu erobern – und diese Expansion war unter seiner Herrschaft möglich.
Jolanis Projekt ist das einer ultra-zentralisierten Syriens: eine Sprache, eine Flagge, ein Volk. Ein Syrien, in dem jede Gemeinschaft ihres Rechts auf Selbstverteidigung beraubt und gezwungen würde, ihre Waffen abzugeben. Diese erzwungene Entwaffnung ist genau das, was die Massaker an den Alawit:innen ermöglichte. Sie hatten den Großteil ihrer Waffen abgegeben und waren unorganisiert, nicht in der Lage zum Widerstand.
In Nordostsyrien haben wir Seite an Seite mit all den verschiedenen Völkern gelebt. Als TKŞ, als Rojava-Kommunist:innen, haben wir unseren Platz in der Revolution eingenommen. Wir haben an vielen Orten gekämpft. Wir haben viele Märtyrer:innen gegeben – von Dêrik bis Afrîn. Wir waren auch am Aufbau der Institutionen der AANES beteiligt: Krankenhäuser, die Asayîş-Kräfte, die Nachrichtendienste und mehr. Viele Genoss:innen haben mit ihrem Wissen beigetragen – Ärzt:innen zum Beispiel – und aktiv am revolutionären Prozess teilgenommen.
Wir haben gegen die Angriffe des faschistischen türkischen Staates gekämpft – gegen seine Kampfflugzeuge und schweren Waffen. Sein Ziel war klar: das organisierte kurdische Volk zu vernichten. Und als Jolani an der Reihe war, unsere Regionen anzugreifen, standen die Imperialisten erneut an seiner Seite.
Im Laufe des letzten Jahres wurden bestimmte Abkommen mit der syrischen Übergangsregierung geschlossen, wie zum Beispiel in Sheikh Maqsud. Kommunikationskanäle wurden geöffnet, aber Damaskus wich konsequent seinen Verpflichtungen aus und verletzte die Abkommen. Warum? Weil das Ziel immer dasselbe war: die DAANES zu demontieren und das kurdische Volk zu zerstören.
Jolani wurde natürlich vom türkischen Staat unterstützt. Es ist klar, dass er nicht unabhängig handelt. Sie führten Gespräche mit uns und wandten sich dann sofort an Hakan Fidan, um Anweisungen zu erhalten. Das zeigt, wer wirklich die Fäden zieht.
Dann begann Anfang 2026 der Angriff auf Sheikh Maqsud (kr. Şêxmeqsûd) und Ashrafiyeh (kr. Eşrefiyê) in Aleppo. Dort entfaltete sich ein großer Widerstand – aber die Welt schloss die Augen. Sie griffen mit 80 Panzern, Artilleriebeschuss, Drohnen und Tausenden Kämpfern an. Auf unserer Seite standen nur wenige unserer Kämpfer:innen dieser massiven Streitmacht gegenüber und trafen die bewusste Entscheidung zum Widerstand. Sie sagten, sie würden entweder mit Würde leben oder gar nicht. Als das Viertel fiel, wurde schließlich ein Abkommen erreicht, um unsere Kräfte zu evakuieren. Dieser Angriff auf die Aleppo-Viertel wurde durch eine internationale Verschwörung ermöglicht [ein grünes Licht, das während des Treffens in Paris zwischen Syrien, Israel, den Vereinigten Staaten und der Türkei gegeben wurde].
Danach griffen sie Deir Hafer und Maskana an. Und obwohl ein Waffenstillstand vereinbart war und unsere Kräfte sich zurückzogen, starteten STG-Kräfte einen heimtückischen Angriff gegen sie. Mit der Unterstützung imperialistischer Staaten setzten sie ihre Offensive auf andere Regionen fort und zwangen uns zum Rückzug aus Tabqa, Raqqa und Deir ez-Zor. Jetzt verteidigen wir die kurdischen Städte. Wir haben unsere rote Linie klar gezogen. Wir werden nicht weiter zurückweichen.
PB: Wie ist Ihre Analyse des Abkommens, das am 29. Januar zwischen der SDF/AANES und der syrischen Übergangsregierung beschlossen wurde?
Klar ist, dass es für unser Volk nicht ausreicht. Nach 16.000 Märtyrer:innen und während einige unserer Städte – Afrîn, Serê Kaniyê und Girê Spî – noch immer besetzt sind, kann kein Abkommen als ausreichend betrachtet werden. Aber zumindest konnten wir ein großangelegtes Massaker verhindern.
Wichtig ist Folgendes: Um diese Angriffe zu stoppen, vereinte sich das kurdische Volk. Diese Einheit war entscheidend. Und wir hoffen, dass wir durch unsere fortgesetzte Arbeit und Organisation uns stärken können – um unsere Errungenschaften zu verteidigen, die politische Existenz des kurdischen Volkes wieder aufzubauen und eine echte Form der Föderation wiederherzustellen.
Wir sind nicht naiv. Wir sehen klar die großen Risiken und die ernsten Bedrohungen, die dieses Abkommen für das Volk und die Revolution birgt. Aber unter den gegebenen Bedingungen war es ein notwendiger Schritt, um das Blutvergießen zu stoppen – denn das Ziel unserer Feinde war klar: das kurdische Volk zu massakrieren.
PB: Am 18. Januar erklärte die syrische Übergangsregierung, ein Abkommen mit der SDF erreicht zu haben, doch dies wurde von Mazlum Abdi und der Führung der SDF/DAANES abgelehnt, und es wurde zum bewaffneten Widerstand und zur globalen Mobilisierung aufgerufen. Haben Sie mit der massiven Mobilisierung gerechnet, die vom Volk kam?
Als das Abkommen vom 18. Januar angekündigt wurde, sagten wir sofort, dass es nicht ausreicht. Von diesem Moment an war Krieg erklärt – und Mobilisierung.
Alle gingen auf die Straßen, viele zogen an die Front. Die Menschen trafen bewusst die Entscheidung zum Widerstand und sagten, es gebe keine andere Wahl, wenn wir die Auslöschung des kurdischen Volkes verhindern wollten.
Ich hatte großes Vertrauen in die Widerstandsfähigkeit des kurdischen Volkes. Die Präsenz internationaler Mächte wie der USA oder der Koalition war nicht mehr das Thema. Die Entscheidung war, auf uns selbst zu setzen – mit eigener Kraft zu widerstehen, die Angriffe der Jolani-Regierung bis zum letzten Tropfen Blut in unseren Adern zu stoppen.
Zunächst dachten wir nicht, dass der Krieg unsere Städte erreichen würde. Aber er tat es, wegen dieser internationalen Verschwörung. Also organisierten wir unser Volk entsprechend. Einige Familien schickten ihre Kinder in andere Städte zum Schutz, aber jeder, der kämpfen konnte, stand bereit, zusammen mit der SDF, YPG und YPJ zu widerstehen. Zu ihrer eigenen Sicherheit sind unsere Genoss:innen, die in Raqqa lebten und arbeiteten, in die Region Jazeera gezogen und organisieren dort weiterhin die Menschen.
Eine historische Einheit entstand unter dem kurdischen Volk aus allen Teilen Kurdistans. Viele fielen als Märtyrer – darunter Jugendliche aus Başûr, wie Ahmed Hemîn.
PB: Was können Sie zur kurdischen Einheit sagen? Und zur Rolle der internationalen Mobilisierung?
Die Verteidigung Rojavas war nur durch die kurdische Einheit möglich. Ohne sie hätten wir die Linie nicht halten können.
Einige Regionen reagierten schneller als andere. Bashur reagierte rasch; viele junge Menschen von dort schlossen sich dem Widerstand ohne Zögern an.
Vielleicht hätten wir stärkeren Widerstand aus Bakur erwartet. Aber auch dort erreichten Jugendliche die Grenze, überquerten sie und rissen die türkische Flagge herunter. Das war eine klare politische Botschaft.
Der Fall Rojavas würde den Fall Başûrs bedeuten. Denn die Strategie des türkischen Staates ist nun explizit: jede Form kurdischer Autonomie überall zu eliminieren. Das hat das kurdische Volk verstanden. Und aus jedem Teil Kurdistans erhoben sie sich.
PB: Können Sie näher auf den Willen der Türkei eingehen, die kurdische Autonomie im Irak zu zerstören?
Die Türkei bedauert, dass eine kurdische Autonomie so nah an ihrer Grenze existiert. Başûr ist jetzt einer großen Bedrohung durch die Türkei ausgesetzt. Gleichzeitig investiert die Türkei enorme Energie in den Aufbau der neuen kommerziellen Seidenstraße.
Die Ära, in der die Türkei Başûr gegen die Guerilla einsetzte, ist vorbei. Natürlich ist diese Neuorientierung noch nicht vollständig durchgesetzt. Während die Türkei sich auf ihre langfristigen Pläne vorbereitet, versucht sie gleichzeitig, die ENKS (Kurdish National Council in Syria – KDP-Ableger in Syrien) zu stärken und die interne Politik in Rojava zu beeinflussen.
Zu einem bestimmten Zeitpunkt erwog die Regionalregierung Kurdistans, Peschmerga-Kräfte nach Syrien zu schicken, um Rojava zu verteidigen. Aber die Türkei drohte mit Angriffen, und diese militärischen Kräfte wurden am Eintritt gehindert. Die meisten jungen Menschen, die sich aus Başûr der Mobilisierung anschlossen, waren Zivilist:innen, keine Soldat:innen.
Diese neue Bedrohung der Türkei gegenüber Başûr kommt auch aus einer Veränderung der Orientierung der KRG, die ihre diplomatischen Beziehungen gestärkt hat, um Rojava zu unterstützen. Die KRG (Kurdistan Regional Government) beherbergte sogar Treffen zwischen der SDF/DAANES und europäischen Mächten, einschließlich Frankreich und Großbritannien.
PB: Wie sehen Sie die Rolle Başûrs und des Barzani-Clans (Führer der KDP und der KRG) in Rojava in letzter Zeit?
Viele Menschen in Rojava haben die Rolle Başûrs in den letzten Ereignissen wahrgenommen und empfunden (mit Erklärungen, humanitärer Unterstützung, volkstümlicher Beteiligung an der Mobilisierung usw.). Die Sympathie für diese Partei ist gewachsen, die Kurdistan-Flagge – Ala Rengîn, normalerweise mit Başûr assoziiert – wurde häufiger auf Häusern und in Demonstrationen gehisst. Natürlich ist die Ala Rengîn eine historische Flagge mit Legitimität, aber die wachsende Unterstützung für diese Partei und ihre zunehmende Präsenz in Rojava ist Teil eines bewussten Plans der Türkei und der USA. Sie wollen, dass die ENKS eine größere Rolle spielt und ihren Interessen dient. Zum Beispiel wollen sie, dass die ENKS Kandidaten für bestimmte Positionen im syrischen Staat vorschlägt und so mehr Einfluss gewinnt.
Ihr Ziel ist klar: eine feudale, kapitalistische Regierung, die dem föderalistischen Projekt entgegensteht. Sie wollen ein Rojava, das Bashur ähnelt. In Bashur ist die Regierung feudal, clangeschützt und klientelistisch – nicht demokratisch wie die in Rojava. Alles dreht sich um eine Familie. Wahlen werden kontrolliert, und alle Macht und Profite konzentrieren sich in den Händen des Barzani-Clans.
PB: Viele kurdische Menschen in Rojava äußern Misstrauen gegenüber Arabern und sagen, dass das demokratisch-konföderalistische Projekt der Geschwisterlichkeit der Völker gescheitert sei oder dass sie von nun an nur noch kurdische Interessen schützen wollten. Wie ist Ihre Analyse zu diesem Thema?
Als Kommunist:innen sagen wir, dass wir der Brüderlichkeit der Völker nicht entkommen oder sie leugnen können. Seit Tausenden von Jahren leben wir zusammen im mittleren Osten – Kurd:innen, Araber:innen, Assyrer:innen, Armenier:innen. Genau das ist der Plan der imperialistischen Staaten: uns zu spalten, Krieg zwischen den Völkern anzuzetteln.
Es stimmt, dass in den letzten Monaten unser Volk wütend ist – wütend wegen Verrat durch arabische Stämme und andere, wegen dieser Angriffe. Aber als Kommunist:innen bestehen wir auf der Geschwisterlichkeit der Völker. Tausende arabische Märtyrer:innen sind im Laufe der Revolution gefallen.
Wenn wir in die Geschichte zurückblicken, sehen wir auch Versuche, Hass zu schüren – wie die Ereignisse in Qamişlo 2004 und 2011–2012. Schon damals machten einige kurdische Politiker:innen klar: Unser Problem liegt nicht mit den Araber:innen als Volk, sondern mit dem baathistischen arabischen Regime.
Ob wir es wollen oder nicht, das Abkommen existiert jetzt. Unsere militärischen Kräfte sind dem Innenministerium unterstellt. Wir werden das syrische Land als Ganzes verteidigen müssen. Für uns ist es egal, ob das Land kurdisch oder arabisch ist. Was wir nicht akzeptieren können, ist der Rassismus der Regierung. Wir brauchen ein System, das alle Gemeinschaften respektiert. Wir haben zu viel Blut vergossen, als dass das vergessen werden könnte.
Als Kommunist:innen können wir das Prinzip der Geschwisterlichkeit der Völker niemals aufgeben.
Ja, die Menschen sind wütend. Ja, es gab Verrat. Aber selbst jetzt gibt es noch arabische Stämme und Individuen unter uns, die das Projekt weiter unterstützen.
PB: Können Sie dennoch die Fehler analysieren, die beim Aufbau des Föderationssystems in NES gemacht wurden?
Imperialistische Staaten haben immer Revolutionen und Revolutionär:innen angegriffen. Der türkische Staat, Jolani und die USA haben diesen Angriff auf das Volk provoziert. Sie sind diejenigen, die diesen Verrat ermöglicht haben – das war ihr Ziel.
Einige imperialistische Mächte wollten, dass wir gegen Hashd al-Shaabi (iranische Milizen im Irak) kämpfen. Wir haben abgelehnt. Wir haben ihnen klar gesagt, dass wir keine Söldner:innen werden – wie die SNA-Brigaden (Syrian National Army, ehemalige türkische Proxy-Kraft in Syrien), die bezahlt werden, um in anderen Ländern zu kämpfen, wie sie es in Aserbaidschan taten. Deshalb wurde Jolani autorisiert, uns anzugreifen und zu versuchen, die Revolution zu zerstören.
Arabische Stämme wurden gekauft, um sich gegen die DAANES und die SDF zu wenden, aber viele hatten auch berechtigte Angst nach den Angriffen auf die Aleppo-Viertel. Einige Stämme, wie die Shammar, weigerten sich, am Kampf teilzunehmen, und entschieden sich, nur ihre eigenen Gebiete zu verteidigen.
In bestimmten Städten wurden Fehler gemacht, und einige Ansätze waren falsch. Kritik wurde geäußert. Aber auf der anderen Seite sind bereits Reue unter arabischen Stämmen in Raqqa und Deir ez-Zor entstanden, besonders nach den jüngsten Wellen von Tötungen und internen Kämpfen in ihren Städten.
Was auch immer die Zukunft bringt, wir können uns nicht voneinander trennen. Als Kommunist:innen stellen wir uns gegen jede Politik, die alle Schuld der DAANES zuschiebt. Wir sind Teil dieser Gesellschaft, Teil ihrer Institutionen, und wir kämpfen zu ihrer Verteidigung. Wir haben in den letzten Wochen Kämpfer:innen, die als Märtyrer:innen gefallen sind. Einige Genoss:innen werden noch vermisst. Wir sind Teil dieser Revolution – und wir werden sie weiter verteidigen.
PB: Glauben Sie, dass es möglich ist, diese Freundschaft zwischen den Völkern wieder aufzubauen, und wenn ja, wie?
Zusammen wurde Blut vergossen. Einige Menschen werden die historische Bindung erkennen, die sie mit dem kurdischen Volk teilen. Damit eine Revolution erfolgreich ist, muss jeder Teil davon sein – sonst kann sie nicht gelingen.
Als Kommunist:innen glauben wir, dass die Einheit auf Klassenbasis wieder aufgebaut werden kann – durch die Solidarität der Unterdrückten: Arbeiter:innen, Bäuer:innen und unterdrückte Menschen. Wir sind Freund:innen all dieser Völker, und wahre Einheit muss aus dieser Grundlage wachsen.
Viele Araber:innen aus ärmeren Schichten kämpften neben uns im Krieg, gaben ihr Leben als Märtyrer:innen und wurden verwundet. Sie werden diese Freundschaft nicht aufgeben.
PB: Wie sehen Sie die kommende Zeit, mit der Umsetzung des Abkommens und der Rückkehr der vertriebenen Kurd:innen nach Afrîn und Serê Kaniyê?
Dieses Abkommen wurde geschlossen, um die Rückkehr der Menschen in ihre Länder zu organisieren. Einige sind nach Afrîn zurückgekehrt, aber nicht mit unserem Willen – einige über die ENKS oder andere Organisationen. Es wird daran gearbeitet, dass die Menschen mit Würde und Sicherheit nach Afrîn und Serê Kaniyê zurückkehren.
Es geht nicht darum, dass sie unter Jolanis Herrschaft leben, die die Geschichte dieser Städte leugnen würde. Unsere Asayîş-Kräfte sollten zusammen mit den Regimekräften nur am Rande für Sicherheit sorgen. Nach acht Jahren Vertreibung ist eine Rückkehr unter STG-Kontrolle – mit denselben Milizen und türkischen Kräften, die unzählige Verbrechen in diesen besetzten Gebieten begangen haben – inakzeptabel. Wir wollen Garantien für die sichere Rückkehr der Menschen.
Dieses Thema wird aktiv diskutiert. Ilham Ahmed hat gesagt: „Wir geben unser Versprechen, die Menschen so zurückzubringen, wie wir es wollen.“ Die Menschen wollen auch ihre zivilen Organisationen und Institutionen wieder aufbauen.
In Jazeera funktionieren unsere Institutionen weiter, und wir werden sie nicht an Jolani übergeben. Einige Verwaltungsbüros, wie Passdienste, müssen gemeinsam verwaltet werden, aber nicht alles. Kongra Star (die Frauen-Dachorganisation) muss ihre Arbeit fortsetzen. Diese Institutionen existieren, um das Leben und die Existenz der Menschen zu schützen.
Bis jetzt wurde nichts formell über die Übergabe von Institutionen entschieden. Mazlum Abdi erklärte kürzlich, dass nur wenige Personal am Semalka-Übergang für Passkontrollen anwesend sein werden; ansonsten bleibt alles andere unter unserer Kontrolle.
Für Afrîn und Serê Kaniyê ist die Situation schwieriger, weil viele Organisationen und Institutionen nicht mehr existieren. Wir hoffen, dass unser Volk kämpfen wird, um Frauenrechte, ihre Sprache zu schützen und sich zu organisieren, um diese Institutionen von Grund auf wieder aufzubauen.
PB: Fürchten Sie nicht, dass politische Repression die Kontinuität von Institutionen und Organisationen verhindern wird, da zum Beispiel einige kurdische Medien in Damaskus keine offizielle Anerkennung oder Arbeitserlaubnis erhalten haben?
Wir sind uns der Risiken bewusst, aber wir haben keine Angst. Einige Institutionen und Organisationen werden noch diskutiert, und wir wissen noch nicht, was offiziell akzeptiert wird. Das Hauptziel des Abkommens war jedoch, die Massaker zu stoppen – und das wurde erreicht.
Der nächste Schritt ist, unsere Institutionen weiter aufzubauen, unsere Organisationen aufrechtzuerhalten und unseren Widerstand zu stärken. Unsere Arbeit geht weiter, und wir passen uns an. Unser Fokus liegt darauf, das Volk zu verteidigen, unsere Institutionen zu bewahren und sicherzustellen, dass die Errungenschaften der Revolution nicht ausgelöscht werden.
PB: Haben Sie seit Beginn der Angriffe Unterstützung von syrischen Organisationen oder Individuen außerhalb Rojavas erhalten? Haben Sie Beziehungen zu bestimmten Organisationen?
Ja, wir haben laufende Beziehungen zu sozialistischen Parteien in Syrien sowie zu alawitischen Gruppen, die für Arbeiter:innen und Bäuer:innen arbeiten. Wir sind in Diskussionen mit ihnen und nehmen aktiv an Kongressen und Foren teil.
Unterstützung aus der Zivilgesellschaft in Syrien wurde ebenfalls geäußert, obwohl viele Menschen aus Angst vor Repression keine öffentlichen Erklärungen wagten. Drus:innen- und Alawit:innen-Gemeinschaften drückten Solidarität durch öffentliche Erklärungen aus, ebenso wie bestimmte politische Persönlichkeiten. Sogar in Europa zeigten syrische politische Gegner wie Haytham Manna und Rami Abdurrahman ihre Unterstützung.
Trotz Angst vor Repression kamen Menschen auch in kurdischen Vierteln in Damaskus heraus, um ihre Solidarität zu demonstrieren. Auch wenn die Organisation von Demonstrationen und Versammlungen schwierig war, zeigte das Engagement normaler Bürger:innen, dass die Unterstützung für unseren Kampf über Rojava hinausgeht.
Glossar:
FSA: Free Syrian Army, gegründet 2011, eine ehemalige breite Allianz oppositioneller Milizen, die schnell unter türkischen Einfluss geriet, teilweise fortgesetzt durch die SNA
STG: Syrian Transitional Government, Übergangsregierung, die aus der HTS hervorging und offiziell am 29. März 2025 proklamiert wurde.
DAANES: Democratic Autonomous Administration North Eastern Syria, offizieller Name der Rojava-Administration SDF: Syrian Democratic Forces, militärische Kräfte der autonomen Administration
Bashur: kurdisch für Süden, südlicher Teil Kurdistans (Nordirak)
Bakur: kurdisch für Norden, nördlicher Teil Kurdistans (Südosten der Türkei)
ENKS: Encûmena Niştimanî ya Kurdî li Sûriyê, Kurdischer Nationalrat in Syrien – KDP-Ableger in Syrien
KRG: Kurdistan Regional Government, halbautonome Region, offiziell 2005 anerkannt. Die USA unterstützten ihre Schaffung. Hashd al-Shaabi: Popular Mobilization Forces, iranisch beeinflusste schiitische Miliz, aktiv im Irak
SNA: Syrian National Army, ehemalige Proxy des türkischen Staates. Die SNA ist keine einheitliche Organisation, sondern eine Sammlung zahlreicher turkmenischer und arabischer Milizen. Sie wurde 2025 in die syrische Armee eingegliedert. Kongra Star: Stern-Kongress, Frauen-Dachorganisation, gegründet 2005 in Syrien
